12. Das Haus von Familie Dreyfuss

 
 

 

Wir gehen zurück zur Dorfstraße, die beim Gasthaus Linde in die Schützenstraße mündet. Wir halten uns rechts und kommen nach einigen Schritten zum Haus Schützenstraße 7. Dort wuchs Charlotte Dreyfuss, heute verheiratete Schott auf.

In einem Brief aus dem Jahr 1998 schilderte Charlotte Schott ihr Leben in Schmieheim.

Charlotte Schott wurde am 30.9.1923 in Schmieheim als Tochter von Ida und Jakob Dreyfuss geboren. Ihr Vater stammte aus Schmieheim und gehörte zum Jahrgang 1882. Ihre Mutter, geborene Bloch, wurde 1885 in Rheinbischoffsheim geboren. Ida und Jakob heirateten 1912. Charlottes Schwester starb noch vor Charlottes Geburt am Durchbruch ihres Blinddarms. 

Ihr Vater kämpfte im 1. Weltkrieg und bekam das Eiserne Kreuz. Nach dem 1. Weltkrieg gründete Charlottes Vater und ihr Onkel eine Zigarrenfabrik. Ihr Vater fuhr in der folgenden Zeit oft mit dem Rad in die Orte der Region, um seine Zigarren zu verkaufen. Er war im Dorf ein angesehener Mann.

Als junges Mädchen lernte Charlotte Schott von ihrer Mutter zusätzlich zum Schulunterricht viel über Goethe und Schiller. Zwei von deren Meisterwerken hat sie immer noch gut in Erinnerung: „Das Lied von der Glocke" und „Die Bürgschaft". Vor 1933 wurde die Schule von allen Kindern besucht. Christliche und jüdische Kinder gingen gemeinsam in die Schule, bis auf den Religionsunterricht besuchten sie alle die gleichen Fächer. Die Klassenstufen 1 bis 4 gingen in die Unterschule (das jüdische Schulhaus), die Klassen 5 bis 8 in die Oberschule (das weiter oben gelegene christliche Schulhaus). Charlotte Schott kann sich auch noch an die Namen ihrer ersten Lehrer erinnern, Herr Knürr und später Herr Steiner. Im oberen Schulhaus waren die Klassenräume unten und oben eine Wohnung, die Lehrer Höser bewohnte. Später wurde Herr Höser versetzt und Herr Walter übernahm seine Stelle. In dieser Zeit verließ Charlotte Schmieheim, im März 1938. Sie hatte gerade die 8. Klasse hinter sich gebracht. 

So weit Charlotte Schott sich erinnern kann, war das Verhältnis zwischen Juden und Christen vor 1933 sehr friedlich. Man musste die Fensterläden nachts nicht schließen. Juden besuchten christliche Häuser. Charlotte Schott kann sich daran erinnern, dass sie geholfen hat, den Christbaum zu schmücken und die festlichen Kuchen zu backen. Christen und Juden halfen sich gegenseitig, wo Hilfe nötig war. 

Nach 1933 mussten Juden und Christen in verschiedenen Bänken in der Schule sitzten, obwohl ihre Lehrer sie nicht schikanierten und sie auch nicht von den anderen absondern wollten. Außerhalb der Schule wurde das Verhältnis zu den christlichen Kindern und Jugendlichen aber immer schlechter. Charlotte Schott konnte nicht begreifen, warum andere Jugendliche über Nacht angefangen hatten sie zu hassen. Sie kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie sie einmal schikaniert wurde und, als sie nach Hause kam, bitterlich weinte. Sie wusste einfach nicht, was sie gemacht haben könnte, dass sie andere Menschen so sehr verärgerte. Dann kam die Zeit, in der sie nachts ihre Fensterläden schließen mussten und in Angst lebten. Sie wird niemals die Tränen vergessen, die in dieser Zeit geflossen sind, als die Juden ihre Geschäfte aufgeben mussten. In dieser Zeit gab es nächtliche Märsche von Anhängern des Nationalsozialismus. 

Schließlich wurde Charlotte von ihren Eltern nach Amerika geschickt. Diese wurden von Freiburg in das Lager Gurs in Frankreich verschleppt, wo sie verhungerten. Heute lebt Charlotte Schott in Richmond/Virginia mit ihrem Mann, sie hat zwei Kinder, die mittlerweile selbst Kinder haben.

Ein Kindergartenbild von 1927/28: Christliche und jüdische Kinder zusammen mit Diakonisse Anna Haug im Schlossgarten. Charlotte Dreyfuss ist in der zweiten Reihe von hinten, das zweite Kind von rechts.

Wir gehen die Schützenstraße weiter bis zur Brauerei. Dort biegen wir rechts ein in die Schlossstraße und finden so zurück zum Schloss.

Oktober 1999   verantwortlich: Matthias Kreplin