4. Die Bäckerei Bloch

 
 

 

Wir nehmen den Fußweg zwischen Kindergarten und Synagoge. Am Ende des Fußweges biegen wir nach links ein in die Kirchstraße. Dort gleich im Eckhaus, heute Kirchstraße 20, befand sich die Bäckerei von Isidor Bloch.

Isidor Bloch wurde 1889 geboren. Er wurde 1931 in den Vorstand des Musikvereins gewählt. Seine Bäckerei wurde geschätzt, so dass auch der nationalsozialistische Boykottaufruf 1933 keine finanziellen Einbußen brachte. Erst ab dem Jahre 1936 wurde die Lage für sein Geschäft schwieriger. Kurz vor Kriegsbeginn emigrierte er mit seiner Familie und ging in die USA.

Sein Sohn Siegbert Bloch wurde 1920 geboren. Anfang der 30er Jahre verletzte er sich bei einem Unfall das Bein schwer. Er war schon ins Ettenheimer Krankenhaus eingeliefert und sein Bein sollte amputiert werden. Sein Vater aber brachte ihn daraufhin zu dem (christlichen) Kippenheimer Landarzt Dr. Weber, der, kurz zuvor von der Universität kommend, sich in Kippenheim niedergelassen hatte. Dr. Weber wagte ein damals neuartiges Behandlungsverfahren und konnte das Bein retten. Nach einiger Zeit konnte Siegbert Bloch wieder fast normal laufen.

1934 verließ Siegbert Bloch Schmieheim, da er wegen seiner jüdischen Abstammung das Gymnasium in Ettenheim nicht besuchen durfte. Er ging nach Mannheim, um eine Ausbildung als Schneider zu machen. Als sein Chef im August 1938 Deutschland verließ, kam er zurück nach Schmieheim. So war er auch in Schmieheim, als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge verwüstet wurde. Am kommenden Tag wurden auch in Schmieheim die jüdischen Männer verhaftet, um sie ins Konzentrationslager Dachau zu bringen. Als man im Kippenheimer Rathaus die jüdischen Männer der Region zusammentrieb, merkte man, dass Isidor und Siegbert Bloch aus Schmieheim fehlten. Zwei SS-Leute auf einem Motorrad mit Seitenwagen wurden nach Schmieheim geschickt, um die beiden zu holen. Sie fanden sie und setzten den Vater Isidor Bloch in den Seitenwagen. Der zweite SS-Mann nahm hinten auf dem Motorrad Platz; für Siegbert Bloch war kein Platz mehr. Daraufhin packte der SS-Mann Siegbert Bloch an den Haaren und ließ ihn neben dem Motorrad herrennen. In einem Brief aus dem Jahr 1998 schrieb Siegbert Bloch über diesen Vorfall: „Ein Kerl aus meinem Dorf misshandelte mich, während wir mit dem Motorrad nach Kippenheim fuhren; und er wurde der einzige Schmieheimer, den ich hasste."

In Kippenheim angekommen, mussten Vater und Sohn Bloch das letzte Stück zum Rathaus laufen. Auch dabei wurden sie offenbar immer wieder von den SS-Leuten misshandelt. Als sie kurz vor dem Rathaus am Haus von Dr. Weber vorbeikamen, rief Dr. Weber von oben aus dem Fenster zu den SS-Leuten: „Lasst den Sigger in Ruh! Der hat mit seinem Bein schon genug mitgemacht!"

Siegbert Bloch wurde, wie die anderen jüdischen Männer auch, Anfang 1939 wieder aus Dachau entlassen. Es gelang ihm, mit seinen Eltern Deutschland zu verlassen. Er lebt heute (1999) in Philadelphia, USA. Er pflegte über viele Jahre hinweg Kontakt zu einigen ehemaligen Schulkameraden in Schmieheim.

1988, fünfzig Jahre nach den oben beschriebenen Vorfällen, kehrte er mit seiner Frau, einer gebürtigen Altdorferin, anlässlich eines Empfangs im Kippenheimer Rathaus in seine alte Heimat zurück. Der Empfang war noch nicht vorbei, als Siegbert Bloch verschwunden war. Er war hinübergelaufen in das Haus, in dem Dr. Weber gewohnt hatte, um sich nach ihm zu erkundigen und um sich für dessen Worte, die er damals aus dem Fenster gerufen hatte, zu bedanken. Er schrieb dazu 1998: „Was Dr. Weber anbetrifft: ich werde ihn nie vergessen."

Oktober 1999   verantwortlich: Matthias Kreplin