3. Hanna-Baumann-Kindergarten

 
 

 

Neben der ehemaligen Synagoge, auf einem Gelände, auf dem früher viele jüdische Häuser standen, liegt der Neubau des evangelischen Kindergartens.
 

Das Gebäude wurde im Juni 1998 eingeweiht und dabei nach dem letzten jüdischen Kind Schmieheims Hanna Baumann benannt.

Hanna Sofie Baumann wurde am 31. März 1935 in Lahr geboren. Hannas Vater war der Kaufmann Karl Baumann (geb. 1891), Hannas Mutter war Irma Baumann (geb. 1893). Beide waren sie Kinder jüdischer Familien, die zum Teil schon seit Generationen in Schmieheim lebten. Sie heirateten am 18. Januar 1934 und wohnten danach im jüdischen Schulhaus. Am 31. März 1935 wurde ihr einziges Kind Hanna geboren. Es erhielt - wahrscheinlich am darauffolgenden Schabbat im Synagogengottesdienst - den Namen der beiden verstorbenen Großmütter: Hanna Sofie. 

Als Hanna drei Jahre alt war, durfte sie als jüdisches Kind nicht mehr den Schmieheimer Kindergarten besuchen. Als Spielkameraden fand sie Günter Karger (geb. 1933). Er wurde von seinen Eltern im Juni 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden geschickt. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Er lebt heute in Florida. Auf dem nebenstehenden Bild - aufgenommen im März 1939 - sitzt er mit Hanna vor dem jüdischen Schulhaus.

Am 10. November 1938 wurde Hannas Vater zusammen mit den anderen jüdischen Männern Schmieheims verhaftet und nach Dachau verschleppt. Erst im Dezember wurde er wieder aus der Haft entlassen. Wohl in dieser Zeit verlor er auf Grund der nationalsozialistischen Gesetze endgültig sein Geschäft. Hannas Vater konnte nun in Schmieheim nicht mehr für den Lebensunterhalt der Familie sorgen.

Im Herbst 1939 zog Hanna mit ihren Eltern nach Augsburg. Dort mieteten sie ein Zimmer bei der jüdischen Familie Einstein in der Ulmer Straße 185. Warum Familie Baumann gerade nach Augsburg zog, ist noch unbekannt. Sie fanden Aufnahme in einer jüdischen Gemeinde, die von ihrer Frömmigkeit ähnlich geprägt war wie die Schmieheimer Gemeinde. 

Am 15. November 1941 wurde Hanna mit ihren Eltern und anderen Augsburger Juden zunächst in das Münchner Ghetto Milbertshofen verschleppt. Von dort aus wurden sie mit etwa 1000 anderen Männern, Frauen und Kindern in Richtung Riga (Lettland) deportiert. Doch der Zug endete am 25. November 1941 im litauischen Kaunas (deutsch Kauen). Hanna wird im Alter von sechs Jahren zusammen mit ihren Eltern und 2931 anderen Juden aus Deutschland erschossen. 
 
 





Im Februar 1998 beschlossen der Schmieheimer Ortschaftsrat, Kirchengemeinderat, Erzieherinnen und Elternvertreterinnen einstimmig, den Schmieheimer Kindergarten nach Hanna Baumann zu benennen. Als letzter Spross der jüdischen Bevölkerung Schmieheims kann dieses jüdische Mädchen stellvertretend für alle Schmieheimer Juden stehen. Mit dieser Namensgebung sollte versucht werden, der langen jüdischen Geschichte Schmieheims - in ihren guten und ihren schlimmen Zeiten - bleibend zu gedenken. Außerdem stellt diese Benennung des Kindergartens nach einem jüdischen Kind Schmieheims, das in der für Juden so furchtbaren Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Kindergartenalter war, eine Herausforderung dar, die vergangene Geschichte der Judenverfolgung immer wieder an die Gegenwart zu vermitteln, um so sensibel zu machen für die Ausgrenzung von Minderheiten und totalitäres Denken. Auch für die Kindergartenarbeit stellt diese Namensgebung eine ständige Verpflichtung dar: Der Kindergarten soll die Integration von Menschen anderer Herkunft, Kultur, Tradition und Religion - heute sind das Ausländer und Aussiedler - fördern und die gewaltfreie Austragung von Konflikten einüben. Und indem schließlich die evangelische Kirchengemeinde Schmieheim ihren Kindergarten nach einem jüdischen Kind benannte, bekannte sie sich zu der kirchlichen Lehre, dass die Juden weiterhin als das Volk Gottes anzusehen sind. Die Namensgebung ist darum ein Zeichen der Verbundenheit und Versöhnung zwischen Christen und Juden, an denen Christen in vielen Jahrhunderten immer wieder schuldig wurden.

Weitere Bilder und Informationen zum Leben von Hanna Baumann und zur Namensgebung des Kindergartens finden Sie auf den Seiten der Evangelischen Kirchengemeinde Schmieheim und Wallburg.

Oktober 1999   verantwortlich: Matthias Kreplin