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Am 13. und 14. Juni 1998 wurde das von der Kommune
Kippenheim neu errichtete Gebäude des Evangelischen
Kindergartens Schmieheim eingeweiht. Dabei erhielt der Kindergarten
den Namen Hanna-Baumann-Kindergarten. Dies hatten
Kirchengemeinderat, Ortschaftsrat Schmieheim, Erzieherinnen und Elternvertreterinnen
in einer gemeinsamen Sitzung im Frühjahr 1998 einstimmig beschlossen.
Die Initiative zur Namensgebung war ausgegangen von Renate Kreplin. Sie hatte
den Vorschlag im Rahmen eines Namens-Wettbewerbs gemacht.
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Wer war Hanna Baumann?
Hanna Sofie Baumann wurde am 31. März 1935 in Lahr geboren. Sie
war das letzte aus Schmieheim stammende jüdische Kind.
Hannas Vater war der Kaufmann Karl Baumann (geb. 1891). Er war der Sohn des Textilkaufmanns Abraham Baumann (1856-1942, gest. in Theresienstadt) und dessen Frau Sophie (geb. Bernheimer, 1866-1933). Beide Großeltern stammten aus jüdischen Familien Schmieheims. Hannas Großeltern väterlicherseits wohnten neben dem Gasthaus Linde (heute Dorfstraße 2). Dort hatte Hannas Großvater ein Stoffgeschäft, in dem auch christliche Mitbürgerinnen einkauften und in Handarbeitstechniken unterrichtet wurden. Darüberhinaus zog Abraham Baumann mit Stoffen auf der Schulter in die Dörfer der Region, um seine Waren anzubieten. |
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Das Gebäude des jüdischen Schulhauses
heute (Schmieheim, Kirchstraße 6)
Hannas Mutter war Irma Baumann (geb 1893).
Sie war die Tochter von Abraham Bloch (geb. 1861, deportiert und 1942 verschollen)
und dessen Frau Hannchen Bloch (geb. Wachenheimer, 1865-1927). Auch die beiden
Großeltern mütterlicherseits stammten aus jüdischen
Familien Schmieheims. Hannas Großvater Abraham Bloch war Kantor der
jüdischen Gemeinde und übte so im Synagogengottesdienst die wichtige
Funktion eines Vorsängers aus. Darum wohnten Abraham und Hannchen Bloch
auch in der Kantorenwohnung im jüdischen Schulhaus.
Hannas Eltern, Karl Baumann und Irma Bloch, heirateten am 18. Januar 1934. Danach wohnten sie ebenfalls im jüdischen Schulhaus. Am 31. März 1935 wurde ihr einziges Kind geboren. Es erhielt - wahrscheinlich am darauffolgenden Schabbat im Synagogengottesdienst - den Namen der beiden verstorbenen Großmütter: Hanna Sofie. |
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| Günter Karger (6 Jahre) und Hanna
Baumann (4 Jahre) im März 1939.
Als Hanna drei Jahre alt war, durfte sie als jüdisches Kind nicht mehr den Schmieheimer Kindergarten besuchen. Als Spielkameraden fand sie Günter Karger (geb. 1933). Er wurde von seinen Eltern im Juni 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden geschickt. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Er lebt heute in Florida. Von ihm stammen die beiden einzigen Bilder von Hanna Baumann. |
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Die Schmieheimer Synagoge von innen (vor 1905)
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938,
in der Reichsprogromnacht, wurde - wie in ganz Deutschland - auch
die Schmieheimer Synagoge verwüstet. Am Morgen danach wurde Hannas Vater
zusammen mit anderen jüdischen Männern Schmieheims verhaftet und
nach Dachau verschleppt. Erst im Dezember wurde Karl Baumann wieder aus der
Haft entlassen. Wohl in dieser Zeit verlor er auf Grund der nationalsozialistischen
Gesetze endgültig sein Geschäft. Hannas Vater hatte nun in Schmieheim
keine Möglichkeit mehr, für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen.
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| Augsburg, Ulmer Straße 185 (heute)
Im Herbst 1939 zog Hanna mit ihren Eltern nach
Augsburg. Dort mieteten sie ein Zimmer bei der jüdischen
Familie Einstein in der Ulmer Straße 185. Warum Familie Baumann gerade
nach Augsburg zog, ist noch unbekannt. Sie fanden Aufnahme in einer jüdischen
Gemeinde, die von ihrer Frömmigkeit ähnlich geprägt war wie
die Schmieheimer Gemeinde.
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| Am 15. November 1941 wurde Hanna mit ihren Eltern und anderen Augsburger Juden zunächst in das Münchner Ghetto Milbertshofen verschleppt. Von dort aus wurden sie mit etwa 1000 anderen Männern, Frauen und Kindern in Richtung Riga (Lettland) deportiert. Doch der Zug endete am 25. November 1941 im litauischen Kaunas (deutsch Kauen). Hanna wird im Alter von sechs Jahren zusammen mit ihren Eltern und 2931 anderen Juden aus Deutschland erschossen. | |||||
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Recherchiert von Renate und Matthias Kreplin, Juni
1998
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Warum der Kindergarten nach Hanna Baumann benannt wurde Die Geschichte Schmieheims ist geprägt durch ein jahrhundertelanges Zusammenleben von Christen und Juden. Juden siedelten in Schmieheim seit etwa 1700. Ihr Bevölkerungsanteil steigt in den folgenden Jahrhunderten. 1875 lebten 486 Juden in Schmieheim, das waren über 45 % der Schmieheimer Bevölkerung. In dieser Zeit war in Schmieheim das Bezirksrabbinat ansässig, und hier lag der jüdische Verbandsfriedhof. Schmieheim war so in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts das Zentrum des Landjudentums der südlichen Ortenau. Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen gestaltete sich im 19. Jahrhundert recht entspannt. Nachdem Juden das Wahlrecht erhalten hatten, wurden sofort jüdische Mitbürger in den Gemeinderat gewählt. Auch zwischen Kirchengemeinde und Jüdischer Kultusgemeinde gab es gute Beziehungen. Man wirkte in der Schule zusammen und jüdische Kinder besuchten selbstverständlich den Evangelischen Kindergarten. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde auch in Schmieheim die Lage für Juden zunehmend schwieriger. Es gab Akte der Diskriminierung und Ausgrenzung, und selbstverständlich wurden die nationalsozialistischen Rassengesetze auch in Schmieheim umgesetzt. Doch kam es auch zu Taten der Solidarität. So stellten sich der damalige Pfarrer Schloer und andere mutige Schmieheimer Bürger einer Gruppe von Ettenheimern entgegen, die am Tag nach der Reichsprogromnacht die jüdischen Geschäfte Schmieheims plündern wollten. Dennoch wurden am 22. Oktober 1940 alle Schmieheimer Juden, die nicht zuvor auswandern oder fliehen konnten, ins französische Lager Gurs deportiert, wo bereits viele starben. Die Überlebenden wurden meist in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Etwa 80 Schmieheimer Juden wurden im Namen des Deutschen Volkes zu Tode gebracht. Um dieser langen jüdischen Geschichte Schmieheims - in ihren guten und ihren schlimmen Zeiten - bleibend zu gedenken, soll der Schmieheimer Kindergarten den Namen Hanna Baumanns tragen. Als letzter Spross der jüdischen Bevölkerung Schmieheims kann sie stellvertretend für alle Schmieheimer Juden stehen.
Wenn auch der Namen des Kindergartens im Alltag nicht ständig eine Rolle spielen wird, stellt doch der Namen und die mit ihm verbundene Erinnerung an das Schicksal Hanna Baumanns eine ständige Verpflichtung für die Kindergartenarbeit dar, die gerade im Alltag einzulösen ist: Der Kindergarten soll die Integration von Menschen anderer Herkunft, Kultur, Tradition und Religion - heute sind das Ausländer und Aussiedler - fördern und die gewaltfreie Austragung von Konflikten einüben. Indem eine evangelische Kirchengemeinde ihren Kindergarten nach einem jüdischen Kind benennt, bekennt sie sich zu der kirchlichen Lehre, dass die Juden weiterhin als das Volk Gottes anzusehen sind. Die Namensgebung ist darum ein Zeichen der Verbundenheit von uns Christen mit den Juden, an denen Christen in vielen Jahrhunderten immer wieder schuldig wurden. Indem wir versuchen diese Verbundenheit zu achten, zeigen wir, dass wir auf Vergebung hoffen. Auf die Vergebung der Überlebenden und die Vergebung Gottes. Indem wir die unheilvolle Geschichte der Judenverfolgungen nicht verdrängen, sondern uns ihr stellen, kann dazu beigetragen werden, dass alte Wunden endlich heilen und - in einer Zeit, in der rechtsradikales Denken wieder Einfluss gewinnt - nicht erneut Minderheiten bedroht werden und um ihr Leben fürchten müssen. Aus diesen Gründen haben Ortschaftsrat, Kirchengemeinderat, Erzieherinnen und Elternvertreterinnen im Februar 1998 einstimmig beschlossen, den Schmieheimer Kindergarten nach Hanna Baumann zu benennen.
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